Sind Sie ein Antisemit,…

…Herr Duchrow?

Ein Gespräch mit Ulrich Duchrow über seine theologische Kritik an Israel

Publik-Forum: Sind Sie ein Antisemit, Herr Duchrow?

Ulrich Duchrow: Wenn Sie meine Veröffentlichungen, etwa in dem Buch »Religionen für Gerechtigkeit in Palästina-Israel« lesen, werden Sie sehen, dass es mir, den jüdischen und muslimischen Autorinnen und Autoren einzig darum geht, aufzudecken, wo und wie sich Religion mit Macht verbündet. Wir kritisieren Theologien, die sich anpassen an Staats- oder Kapitalmacht und eine Kirchentheologie, die Versöhnung ohne Gerechtigkeit predigt. Wir lesen die Bibel im zeitgeschichtlichen Kontext, um deutlich zu machen, worum es dem biblischen Gott geht: nämlich um Gerechtigkeit und Parteinahme für die Machtlosen, Ausgebeuteten und Schwachen. Darum verwerfen wir jeden Antisemitismus, kritisieren aber gleichzeitig den Staat Israel auf der Basis des Völkerrechts und der Menschenrechte.

Sie schreiben aber: Israel wolle die Palästinenser wegekeln, gettoisieren und profitiere von ihrem Leid. Israels Wirtschaft brauche keinen Frieden, sondern den Krieg gegen den Terror. Das ist zumindest eine sehr einseitige Darstellung.

Duchrow: Es wird immer gesagt, auch Palästinenser tragen Mitschuld an der Situation. Aber es ist ein Unterschied, ob man mit Steinen wirft oder Präzisionsschusswaffen einsetzt. In dieser Situation kirchentheologisch zu sagen: Beide Seiten tun Unrecht und müssen sich bewegen, widerspricht der biblischen Perspektive. Diese spricht von einem Gott, der Recht schafft und einseitige Machtverhältnisse auflöst.

Es gibt aber palästinensische Raketenangriffe, Terroranschläge und Messerattacken.

Duchrow: Das ist zu verurteilen. Dennoch sind die Machtverhältnisse völlig ungleich. Die Art und Weise, wie Israel die Würde und das Leben der Palästinenser verletzt, wird sogar in manchen Uno-Berichten als Kriegsverbrechen bezeichnet. Das kann man nicht schönreden. Im Prinzip ist es ein Kampf Steine gegen Maschinengewehre – wobei die Mehrheit für gewaltfreien Widerstand eintritt.

Was sagen Sie zu dem Vorwurf, Sie sprächen Israel das Existenzrecht ab?

Duchrow: Das ist eine Verdrehung meiner Texte. Israel ist durch das Völkerrecht und die Uno-Beschlüsse legitimiert und das sind die Kategorien, innerhalb deren man über den Staat Israel reden sollte. Ich sage aber, dass ein System, dass ausschließlich auf Gewalt basiert, keine Zukunft hat. Die Gewalt nach außen verroht und zerstört die Gesellschaft nach innen. Meine Grundposition ist: Israelis und Palästinenser haben nur gemeinsam Zukunft, und die muss auf Gerechtigkeit und Recht aufgebaut sein.

Wenn Sie sagen, Israel sei die Speerspitze des Kapitalismus, bedienen Sie Verschwörungstheorien vom geldgierigen Juden.

Duchrow: Dieses Muster habe ich Zeit meines Lebens bekämpft. Wir haben ausdrücklich die judenfeindlichen Schriften Luthers in der Wittenberger Erklärung verworfen. Der Kernpunkt ist: Man benutzt den Antisemitismusvorwurf, um den Staat Israel gegen Kritik zu immunisieren.

Dennoch bleibt der Eindruck, Sie bewerten Israel nach anderen Maßstäben als andere Länder, wenn Sie zum Beispiel sagen, dass die Unterdrückung der Palästinenser weit über das Unrecht der Apartheidsregierung von Südafrika hinausgeht.

Duchrow: Unrecht kann man nicht quantifizieren. Die United Nations Economic and Social Commission for Western Asia erklärte den Staat Israel 2017 der Apartheid schuldig. Er steht in der Tradition des Siedlerkolonialismus, wie es ihn in Südafrika, Amerika oder Australien gegeben hat. In Südafrika nutzten die Buren die schwarze Bevölkerung als Arbeitssklaven. Die israelische Rechte hat die Vorstellung: Das ist gar kein palästinensisches, sondern israelisches Land. Das geht so weit, dass man nicht vom besetzten Westjordanland spricht, sondern von Samaria, in Anspielung auf das Alte Testament. Das heißt: Die Bibel wird zunehmend instrumentalisiert, um das Land-Grabbing zu rechtfertigen und die Enteignung der Palästinenser zu legitimieren. Deshalb ist theologische Kritik notwendig, die den Missbrauch der Bibel anspricht.

Und worin besteht die theologische Kritik?

Duchrow: Die Landverheißungen durch JHWH im Alten Testament sind verbunden mit dem Auftrag, Gottes Gerechtigkeit und Gottes Frieden in der Welt sichtbar zu machen. Darin besteht die Erwählung. Alle biblischen Texte, die die Landfrage thematisieren, sind in der Zeit des Exils entstanden. Die Autoren, die sich im 6. Jahrhundert vor Christus gefragt haben, wieso das Volk Israel aus seinem Land ins Exil nach Babylon verschleppt wurde, gaben die Antwort: Weil es den Bund mit Gott gebrochen und eigenmächtig gehandelt hat. Wenn man also das biblische Land beansprucht, dann muss dieser Anspruch verbunden werden mit dem biblischen Anspruch der Gerechtigkeit. So wie es die Propheten eingefordert haben.

Ist es denn legitim, als Christ in die Rolle der jüdischen Propheten zu schlüpfen und aus dieser Position heraus einen demokratischen Staat zu kritisieren, wie Sie es tun?

Duchrow: Darüber kann man streiten. Meine jüdischen Freunde haben mir gesagt: Es ist schlimm, wenn ihr Christen zu dem Unrecht in Palästina schweigt. Ihr könnt eure historische Schuld nicht reinwaschen, indem ihr die Palästinenser dafür büßen lasst. Nehmt die ganze Bibel ernst, überwindet den christlichen Antijudaismus, erkennt die jüdischen Wurzeln Jesu, widersteht der Gefahr einer Spiritualisierung des Christusglaubens, indem ihr für Gerechtigkeit eintretet.

Warum hat sich die Evangelische Kirche in Deutschland von Ihrem Aufsatz distanziert?

Duchrow: Das müssen Sie diejenigen fragen, die meinen, sich davon distanzieren zu müssen. Ich halte dies für einen voreiligen Reflex und für lächerlich. Gesprochen hat niemand mit mir. Interview: Michael Schrom

Duchrow_Palästina

Ulrich Duchrow, geb. 1935, war Professor für Systematische Theologie in Heidelberg, ist Mitbegründer des Netzwerks »Kairos Europa«. Das Buch »Religionen für Gerechtigkeit in Palästina / Israel« ist zu bestellen unterinfo(at)kairoseuropa.de, oder direkt über den Autoren/Herausgeber: Prof. Dr. theol. Ulrich Duchrow.

Seite des Autoren/Herausgebers ⇓

Duchrow_Link

 

 

 


 

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