Giuseppe Zambon

 Dr. Giuseppe Zambon – Der Zambon Verlag Frankfurt am Main 

Als pdf in Drucksatzqualität: Dr. Giuseppe Zambon – Der Zambon Verlag Frankfurt/M.

Von Fariss Wogatzki

Es war im April 2017 als ich in der Leipziger Straße in Frankfurt am Main auf einen Mann wartete, der mein Verleger werden sollte.
Was wusste ich von Dr. Zambon mehr, als ich aus dem Netz und unser Telefongespräch herausfinden konnte? Italiener, Vollbart, nicht mehr ganz jung; einer von der alten Garde, die Standhaftigkeit der Sache des Menschen konsequent nachgehen.

Als ich das erste Mal beim Zambon Verlag im Buchlager und den Büros war, später dann im >>Südseite<<, war ich von diesem Mann beeindruckt, der mit 78 Jahren am Ideal des Humanismus bis heute unverbrüchlich arbeitet. Ich bat meinen Verleger um ein Interview.

Und er erzählte mir aus seinem Leben:

„Die Hoffnung, ja mein Wunsch das Gymnasium zu besuchen wurde aus wirtschaftlichen Gründen verworfen. Ich benötigte so schnell wie möglich ein Diplom, entweder das eines Buchhalters oder eines Industrieexperten sein. Da es in meiner Geburtsstadt Venedig bereits zu viele Buchhalter gab, schien es in der Tat, dass die Beschäftigungsaussichten begrenzt waren. Es wurde also beschlossen, dass ich eine Schule für Textilingenieure zu besuchen hatte.


Eine Entscheidung die -wie später ich feststellen musste- eine falsche war weil der Textilsektor in den folgenden Jahren dazu bestimmt war, aufgrund der hohen Wettbewerbsfähigkeit der Länder der Dritten Welt … … zuerst zu schrumpfen, und dann fast vollständig zu verschwinden. Aber keiner von uns hätte so eine negative Entwicklung voraussehen können. Begleitet von meiner Mutter und meinem Onkel, kam ich in Valdagno, in der Nähe von Vicenza, die nächstgelegene Städtchen von Venedig, in einem Institut für Textilkunde unter.

Wahrscheinlich denken wir bei oder über Italien der 1950er Jahre an Filme wie „Fahrraddiebe“, „Don Camillo und Pepone“ oder an Gina Lollobrigida, aber Giuseppe schilderte mir ein weiteres Italien, in dem auch der Pfarrer eine tragende Rolle spielt. So schrieb er mir weiter:

„Mein Onkel, er wusste nicht, wohin er sich wenden sollte, entschloss sich den Pfarrer um Rat fragen. Ich erinnere mich an seine Stirn: mein Onkel sah 100 Prozent jüdisch aus. Ja er galt als Doppelgänger des Hauptdarstellers des Films „Jud Süß“. Während der Pfarrer, ein dicker, rosig-rötlicher Mann, schien aus einem Roman von Balzac übernommen worden zu sein.“

„Jud Süß“, ein antisemitischer, von Hetze und dumpfen Stereotypen überladener Propagandafilm des faschistischen Regisseurs Veit Harlan aus dem Jahr 1940. Harlan drehte weitere Hetzfilme, so bspw. „Kollberg“, und fand nach 1945 auf bundesdeutschem Boden wieder gute Arbeitsmöglichkeiten.

D
er Priester – nachdem er unser Anliegen gehört hatte – er lief fast Amok, weil Valdagno in seinen Augen als eine moralisch korrupte Stadt galt und völlig ungeeignet für einen jungen Mann, der leichte Beute der gefährlichsten Versuchungen geworden wäre. Nach ihm war Valdagno der Domäne des Teufels … Und ich denke mir: „nur eine Familie hätte mich vom Verderben retten können: die Familie Jocer. Er, Direktor der örtlichen Grundschule und sie Lehrerin in der selben Schule. Das Paar, trotz des Zögern der Frau, stimmte anschießend zu, mich zu akzeptieren. Beide waren tief katholisch, sie bis an die Grenze der Bigotterie, er dagegen war von einem gesunden Menschenverstand. Die Studenten des technisch-industriellen Instituts, das ich besuchen wollte, waren das Ergebnis einer negativen Selektion, die uns alle an den Rand gedrängt sahen, im Vergleich zu unseren Gleichalterigen, die entweder reicher oder fähiger -und immer blasiert waren.

Bigotterie: Die Vatikanstadt, mit der besonderen Moral und deren Auslegung, befindet sich Europas größte Schwulensauna in einem Eigentumsgebäude des Vatikans. (-merke ich in meinem Buch an.)

Unter ihnen eine „seltene und kostbare Persönlichkeit“: der Graf Pietro Marzotto, von allen – heute noch – 60 Jahre später, Pietro genannt.. Ich bekenne, dass unter den Menschen, die ihn beneideten auch ich war, aber dies nur wegen seiner silbernen Vespa, die er pflegte auf den Gehwegen nachlässig zu verlassen.

Das Marzotto-Group Mode- & Textilunternehmen, so lässt sich im [Merkel-] „Neuland“, dieses existiert seit über 20 Jahren, finden, dass dieses in den 90ern an Hugo Boss, der in den 1930er/-1945 die Kleidung für die Waffen-SS entworfen hatte, wurde in den frühen 2000ern an Valentino verkauft.

Die Schule, die ich besuchte trug den Namen seines Vaters, den Grafen Gaetano Marzotto, Besitzer eines großen Textilunternehmen, das an den Ufern des Flusses Agno gestreckt, regelmäßig das Wasser mit den Chemikalienverwendeten Farbstoffe verunreinigte. Dazu gehörte Marzotto: das Haupt Hotel und Restaurant der Stadt, die einzige Supermarkt der Stadt, der kolossalen Kino Rivoli, die Wohnungen von Arbeitern und Angestellten und vielleicht sogar die Luft, die wir atmeten.

Giuseppes Worte erinnern mich an ein Meisterwerk des neorealistischen italienischen Film >>Die Erde bebt<< (Una terra trema; 1948, L. Visconti)

U
nter meinen Lehrern war eine Persönlichkeit für Italienisch und Geschichte. Er hatte an der Katholischen Universität Mailand promoviert, er war ein überzeugter Gläubiger, aber nicht bigott. Seine Art von Lehren war nicht an eine Reihenfolge von Namen und Daten reduziert. Er tat sein Bestes, uns die tiefgründigsten politische und soziale Motivationen zu übermitteln, die den einzelnen Ereignissen zugrunde liegen.

Und so sonderbar es vielleicht klingen mag, sind Giuseppes Worte, wie die Intention des italienischen Films >>Fahrraddiebe<< (Ladri di biciclette; 1948, V. De Sica) Die Schönheit dieser Filme zeigt die Armut und Verzweiflung der Menschen, die durch die Rotation der Ausbeutung doch allein an die Person Jesu Christi, der nach Gerechtigkeit und Gemeinschaft strebte, sich sehnen. Und wahrhaftig, Jesus von Nazareth der Messias kämpfte mit und durch seinen Glauben gegen die Imperialherrschaft seiner Zeit.

Ohne es zu wissen, war er es, der mich zu einer marxistischen Lesart der Geschichte lenkte. 
Obwohl er mich mehrmals im Laufe der Jahren auf Grund meiner Schulleistung gelobt hatte, er zögerte nicht mich mit dem „Sitzenbleiben“ zu drohen und mit einer plötzlichen Reihe von schlechten Noten zu belegen – nachdem er mich, bei einer Spaziergang Arm in Arm mit einem gleichaltrigen Mädchen ertappt hatte. 
Die Mentalität der „normalen“ Menschen zu Valdagno war die, die Unterwürfigkeit und die passive Akzeptanz des Status quo als positives Wert zu schätzen.

Giuseppe beschreibt diesen Fakt, dass die Menschen jedwedes Unrecht in ihrer Mentalität durch Unterwürfigkeit passive Akzeptanz eines „Status quo“ hinnehmen, wie es leider der Fall ist. Der deutsche Philosoph J.G. Fichte sagte über Verträge: Jene Verträge, die nicht mit den Vertragsteilnehmern unter freier Entscheidung ermittelt und vereinbart wurden, binden in nichts. Status quo ist, ist Herrschaftsform der Ausbeutung. In der Quintessenz ist auch das Grundgesetz der BRD allein aufgrund seiner faktischen Kraft ein Status quo, hat aber einem auf praktische Vernunft beruhenden Rechtsdenken keinen Wert.

Ich erinnere mich an den Skandal und an die erregte Empörung, die durch die stille und friedliche Demonstration einer Gruppe von entlassenen Textilarbeitern verursacht hatte. Sie marschierten einzeln mit Protestplakaten vor dem Haus des Personalchefs. Der Skandal war riesig und explodierte erneut mit mehr Virulenz am nächsten Tag, als Radio Prag eine kurze Darstellung der Ereignisse ausstrahlte.

G
roß war meine Überraschung, als in dieser Atmosphäre, eine Szene von Mini-Gewalt, die mich als Protagonist sah, eher als Ablehnung zu entlocken, wurde mit sichtlicher Sympathie empfangen.

Folgendes war passiert: während einer Pause zwischen zwei Lehrstunden, hatte einer meiner Klassenkameraden ein verächtliches und beleidigendes Urteil gegen „die Juden“ ausgesprochen, das mich instinktiv dazu brachte, ihn mit eine Faust ins Gesicht zu schlagen. Mehr passierte nicht. Aber in der schläfrigen Atmosphäre von Valdagno breitete sich die Nachricht rasch aus, und im Gegensatz zu den Tadeln, die ich erwartet hätte, gewann ich unerwartet die Sympathie von Frau Jocer und ihrer gleichgesinnten Freundinnen.
Diese Tatsache machte mich stutzig. Ist es möglicherweise so, dass vielleicht, auch bei den bigottesten Frauen, einen Rest Bewunderung für die „männlichen“ Stärke und Anfälligkeit zu Gewalt gegeben ist?

Gerade in diesem besonderen Umfeld kommt es zu einem entscheidenden Wendepunkt in meinem Leben, der eine radikale Umkehr der Werte sowohl auf politischer als auch auf moralischer Ebene verursacht. Bei einer Werksführung hatte ich bereits die langweilige Wiederholung der Handarbeit bemerkt. Bei der Betrachtung des traurigen und grauen Flusses der Arbeiters beim Schichtwechsel, stelle ich eindeutig ihre Frustration fest … und vergleiche sie mit der sinnlosen und faulen und frivolen Gespräche zwischen den Frauen von Führungskräften, die, hundert Meter weiter ihre Zeit damit verschwenden, um in albernen Zeitschriften zu blättern und die Aperitifs zu genießen.

Und als ich seine Antwort auf meine Frage hörte, erinnerte ich mich urplötzlich an eine Szene aus dem Film >>Aufwiedersehen Kinder<< (Au revoire les enfants; 1988, L. Malle), in der Julien und sein Bruder mit ihrer Mutter in einem feinen Lokal sitzen, Wehrmachtangehörige in das gepflegte Restaurant kommen, und einen älteren Mann abholen, allein aufgrund seiner jüdischen Herkunft.

Ich komme zu dem Schluss, dass die Gesellschaft ungerecht organisiert ist und dass die „gehassten“ Kommunisten offenbar gute Gründe haben, diese politische Entscheidung getroffen zu haben.

Oder auch an Emile Zola >>Germinale<<.

Es geschieht dann, dass aus den Fenstern der Bibliothek in denen ich -zusammen mit anderen Kommilitonen- die Inhalte der Lehrstunde vertiefe, kann ich entsetzt im städtischen Schlachthof die Verhandlungen zwischen Bauern und Zwischenhändlern beobachten/beiwohnen. Schweine, Kühe, Rinder werden abgetastet und kontrolliert um den Wert des „Produkts“ zu schätzen… Die Tiere verstehen gut was ihnen bald passieren soll. Sie rauschen, brausen, heulen und defäkieren… So geschah es, dass ich Vegetarier wurde.

Und darin kann ich Giuseppe sehr gut verstehen, denn bin ich selber seit 1997 Vegetarier. Bei mir war es der Umstand, dass ich 1997 in einem Hotel im Service arbeitete. Das Frühstücksbüffet opulent getafelt mit vielerlei Wurst und Schinken usw. Alles, was nach 11 Uhr nicht gegessen war, wurde weggeschmissen. Halb leer/voll sollten die Tabletts nicht sein, es hätte geizig oder ungepflegt ausgesehen, folglich wurden die Tabletts immer fort aufgefüllt.

Im Juni 1957 schloss ich mein Studium als Textilingenieur ab. Im Herbst desselben Jahres wurde ich von der Firma Lanerossi in Schio angestellt, dem Hauptkonkurrenten von Marzotto, wo ich dem „Textildesigner -Büro als Praktikant zugeteilt werde. Die Aufgabe des Textildesigners besteht darin, die verschiedenen Farbtöne der Garne, aus denen der Stoff besteht, so zu kombinieren, dass die Akzeptanz auf dem Markt erhöht wird. Das Gewinnerprodukt ist das, das dem Geschmack der Öffentlichkeit und den Modetrends entspricht. Die gesamte Produktion der Fabrik hängt daher vom Talent seiner Designer ab. Der Erfolg ist untrennbar mit dem der einzelnen Produkte verbunden: In Falle eines nicht angemessenen Auftragsvolumens muss die Fabrik die Produktion begrenzen und im Grenzfall die Produktion einstellen. Die Rolle des Textildesigners ist daher von entscheidender Bedeutung. Aus diesem Grund erreicht sein Gehalt erschreckendem Ausmaß. Es übersteigt das 10fache des Lohns von Facharbeitern und manchmal übertrifft der Lohn den für die Geschäftsleitung festgelegte Vergütung.

Unnötig zu sagen, dass der Designer der ehrgeizigste unter den Berufen war, den jeder anstreben konnte. Zwischen uns zirkulierte die unkontrollierte Nachricht, dass in allen sowjetischen Textilfabriken versucht wurde, überall die selbe Farbnuance des Gewebes zu produzieren (und dafür verglich man die Produkte der diversen Fabriken, um das „Risiko“ der verschiedenen Schattierungen zu vermeiden. Man versuchte die absolute chromatische Einheitlichkeit zu erreichen um die Tendenz zur Diversifizierung und die Verschwendung der Mode zu unterdrücken.

Weltbürger wie Giuseppe sehen die Nuancen, die Schattierungen; diese in den leeren Worten zu den mörderischen Taten der „Führungskräfte“ der imperialen Welt für den genauen Beobachter offensichtlich sind. Auch seine Bücher zeugen von der Feinheit der Nuancen… Von den Schatten dieser Welt. 

Ich fühlte mich nicht wohl, ich musste mich auf einem Tisch mit schwarzem Hintergrund Wollfäden von verschiedenen Farben nähern, um mir vorzustellen, welche die beste Kombination gewesen wäre, zum Beispiel zwischen verschiedenen Grautönen.

Währenddessen reiste Jurij Gagarin im Weltraum und in meinen Augen die Überlegenheit einer auf konkreten Werten und nicht auf kurzlebigen Moden gegründeten Zivilisation demonstrierte… entschloss ich mich daher – zum Erstaunen meiner Vorgesetzten -, die Übertragung in ein „produktives“ Büro zu beantragen.

Es war die Zeit der Vertragsverlängerung und damit des üblichen Balletts der Verhandlungen, ihrer Unterbrechungen und Streiks. So entschied ich mich dafür zu streiken und zu versuchen – eine absolut historische Innovation – den Personaleingang zu blockieren. Das war ein totales Fiasko, aber ich versuchte, zu überzeugenderen Methoden zu greifen, indem ich einen jungen Vater, mit der Absicht zu seinem Besten zu handeln, an der Jacke packte, aber er entglitt mir und seine Jacke blieb in meinen Händen zurück. Am nächsten Tag wurde ich vom Personalchef vorgeladen, der mich über meine Entlassung informierte.

Als junger Mensch hat er bereits erkannt, wer die Wahrheit sagt, wer sich das Denken nicht verbieten lässt, sich für Menschen einsetzt wird im Imperialsystem, ob nun in den 1950er-1960er Jahren oder 2018, ob nun Italien oder in Deutschland, gleich wo, entlassen. Diese Erkenntnis geht den meisten jungen Menschen heute ab. Wieso, Giuseppe gab mir darauf Hinweis…

„Nachdem, was passiert ist, werden Sie verstehen … Sie sind ein intelligenter Mann“, fügte er spöttisch hinzu und verabschiedete sich.
it solcher Schande kehrte ich nach Venedig zurück und musste die Verzweiflung meiner armen Mutter miterleben.

Giuseppe, Du bist Italiener mit jüdischen Wurzeln, doch genau genommen Weltbürger. Welche Geschehnisse in Deiner Kindheit im Besonderen, da Deine Mutter Jüdin war, haben Dich am stärksten geprägt? Inwieweit war Auschwitz, als auch Vernichtung in Italien, im Besonderen in Deiner Familie präsent?

Die antijüdische Verfolgung führte in Italien – zumindest bis zur deutschen Besetzung von 1943 – nicht zur Gefahr der physischen Vernichtung. Der Albtraum von Auschwitz war damals in Italien völlig unvorstellbar. Der Faschismus hatte sogar vorerst viele Juden angezogen, in der Regel wohlhabende. Erst zu einem späteren Zeitpunkt -auf Druck der deutschen Verbündeten- begann der Faschismus eine Hass- und Verleumdungskampagne auszuüben. Sie wurde begleitet von Diskriminierung und Ausgrenzung, die die Entlassung der Juden aus den öffentlichen Ämtern vorsah. Auf den offiziellen Dokumenten und Urkunden wurde es in großen Buchstaben „GEHÖRT DER JÜDISCHEN RASSE“ an, gedruckt.


Meine Mutter war die Jüngste von acht Kinder; 7 Brüder. Die Familie war vermutlich sephardischer Herkunft und behielt eine begrenzte historische Erinnerung an die alten Ursprünge (zusammen mit vielen jüdischen Ausdrücken, einige spanische Wörter fanden auch Platz in der Familie). W
ährend mein Großvater mütterlicherseits ein Immobilienmakler gewesen sein soll, was ich durch das wühlen in den Papiere seines Büros verstehen konnte -, war mein väterlicher Großvater ein Facharbeiter in einer Murano-Kunstglasfabrik, wohin er jeden Tag mit seiner in Aluminiumpfanne vorgekochtes Mittagessen ging.

Mit sieben Kindern zu füttern gab es überhaupt keinen Luxus in der Familie … aber mein Großvater besaß vor seinem Haus einen Garten von etwa 20 qm Größe. Dort züchtete er im Schatten eines Feigenbaumes verschiedene Gemüsesorten. Und er zog Hühner auf. Ausgestattet mit einer starken Geschicklichkeit, in einem Nu produzierte er für mich einen Kinderstuhl, den ich mit großer Freude annahm. In den ersten Jahren der Volksschule weinte ich in verzweifelter Frustration, weil ich auf dem rohen Tisch seiner Küche meinen Namen nicht schreiben konnte, peinlich behindert von der Rauheit des Holzes.

Mein Großvater war streng mit mir: Eines Tages, als Reaktion auf eine meiner Launen, um mir zu zeigen, dass ich mich innerhalb klar definierter Grenzen bewegen musste, fesselte er meine Handgelenke mit Handschellen für eine gute halbe Stunde. Erst nach einiger Zeit erkannte ich den Glauben und den überzeugten Aktivismus des Großvaters in die faschistische Partei. Deshalb besaß er gewisse Utensilien.

In den frühen 1950 Jahren wurden die alten NS-Kader in die Amtsstuben der BRD-Regierung reintegriert. Das international angesehene Werk >>Das Braunbuch<< (1965) von Prof. Albert Norden, seine Eltern verlor er in Theresienstadt, sein Vater selbst Rabbi, gibt Belege über die Reinwaschung und Vertuschung der deutsch-faschistischen Verbrechen. Interessant im Besonderen, da Albert Norden Kommunist war, wird er als Jude nicht vermerkt. Identisch ist es auch bei Herbert BaumDer Persilschein war der bundesdeutsche Druckereischlager.
War die Reinwaschung der deutschen Naziverbrecher in Italien ein Thema? Wurde darüber informiert? Und wie ging Italien mit seiner faschistischen Vergangenheit um?

Als ich erwachsen wurde, militant der außerparlamentarischen Linken, war ich immer erstaunt, dass ein sehr armer und kultivierter Proletarier eine solche politische Wahl treffen konnte. Die einzige Erklärung, die ich mir gegeben habe, ist, dass die Linke damals – nicht anders als heute – niemals eine echte Alternative zur Macht darzustellen wusste. Demonstrationen, Streiks, Proteste konnten nie eine echte Gefahr für den „real existierenden Kapitalismus“ darstellen und erwiesen sich als harmloser Selbstzweck. Kurz gesagt: Ein Lenin wurde vermisst.


Zum Beispiel, während die Faschisten ihre Kräfte aus verschiedenen Städten konzentrierten, um die Volkshäuser und die Sitze der linken Parteien in der Reihenfolge anzugreifen und systematisch zu zerstören, die Gewerkschaftszentrale und Matteotti (Sekretär der Sozialistischen Partei) blieben auf der Defensive und reagierten mit der Devise: „Wir akzeptieren keine Provokation, bleiben wir in unseren Volkshäusern und verteidigen sie!“


Mein Großvater starb an Darmkrebs (vielleicht wegen des täglichen Essens im Aluminiumtopf?) Und im Operationssaal sagte er den Ärzten: „Schnitt, Schnitt. Lass mich am Leben bleiben, bis ich meinen Sohn aus Russland kommen werde…! „
 Es war in der Tat passiert, dass mein Vater entschieden hatte, sich als Freiwilliger für den Krieg am Ostfront zu melden!) I
ch kann die Gründe für diese horrende und unglückliche Entscheidung nicht verstehen… Vielleicht war es ein Versuch bei dem Regime den „Verdienst“ zu erwerben um Frau und Sohn aus der rassischen Verfolgung zu schonen?

 Zum besseren Verständnis der düsteren Atmosphäre in der wir lebten, werde ich eine Episode zitieren, die sich meinem Gedächtnis fest eingeprägt hat.

Trotz der Situation der allgemeinen Unsicherheit und der anhaltenden Mangels an Nachrichten meines Vaters aus der Kriegsfront, gab es Platz für Momente der sorglose (und verantwortungslose) Freude. Am Silvesternacht (1942-1943?) sammelten sich in unserer damaligen Wohnung, neben meiner Mutter und Großmutter, die ganze Familie meiner Tante, die Schwester meiner Mutter (ihr Mann und vier Töchter), um das neue Jahr zu feiern. Trotz der allgemeine bedrückende Lage spielten wir Bingo mit Bohnen und grollten in einer Atmosphäre unangebrachter Lachen und Freude. Wir warteten auf Mitternacht, fast als würde die Außenwelt und ihre Probleme nicht mehr existieren. Plötzlich erstarrten wir wegen dumpfen Schläge an der Wand, die von einem drohenden Schrei begleitet, unser Blut in den Adern gefror: „Genug, schmutzige Juden, seid still!“

Es war die Nachbarin, eine alte Dame die wir nie gesehen haben. Aber wir kannten sie. Der Eingang zu ihrem Haus befand sich in einer anderen Straße und sein Fenster war für uns nicht sichtbar. Die Tatsache, dass sie uns verächtlich nennen wollte, war ein sicheres Zeichen für eine allgemeine Feindseligkeit gegenüber uns. Jetzt war unseren Fest ruiniert und wir blieben tagelang in Angst und Schrecken davor als Juden angezeigt zu werden. Was nicht passiert ist. Trotz des Klimas der Verfolgung es blieb offensichtlich am Leben ein angeborenes Gefühl der Solidarität unter den einfachen Menschen … sogar unter den jähzornigen Menschen.

In den frühen 1970er Jahren zogst Du nach Westdeutschland. Deine gewachsene kommunistische Überzeugung war damals so gern gesehen, wie die Benennung der Ursachen des deutschen Faschismus. Welche Eindrücke konntest Du dahingehend in Deinen ersten Jahren in der west-alliierten Besatzungszone von Deutschland machen?

Schon in den späten 1950er Jahren ging ich während der Schulferien nach Deutschland, angetrieben von Neugier, zu versuchen zu verstehen, wie das Verbrechen der Verfolgung und Vernichtung von Juden, Zigeunern und politischen Gegnern stattfinden könnte. Mit äußerster Vorsicht habe ich versucht, meine zufälligen Gesprächspartner zu befragen … aber sobald ich das Wort „Konzentrationslager“ ausgesprochen hatte, haben sie mich gefragt: 
„Bist du Kommunist“?
Nicht nur das: Einige Witzbolde haben sich „sehr beiläufig“ mich unerwartet mit einem „lustigen“ Rätsel konfrontiert:
„Weißt du, was der Unterschied zwischen den Juden und den Türken ist?“
„Nein“, antwortete ich.
Der Unterschied ist, dass „die Juden haben es hinter sich!“ … der Typ hatte bereits die „Heldtaten“ von Zschäpe und ihrer Kameraden vorausgesehen.
Außerhalb des KZ Dachau gab es einen Kiosk der Sandwiches und Getränke bot. Das Geschäfts Schild? ZUM KREMATORIUM. – – – Die Westdeutschen hatten damals noch nicht gelernt, sich als Demokraten auszugeben.

Giuseppe, ich lernte durch meine Arbeit am Buch einen nun 74jährigen Mann kennen, der als Kind in Gaza zusehen musste, wie sein Onkel von einem Söldner der Terrororganisation Haganah, in IDF umbenannt, vor seinen Augen erschossen wurde.
Das Land Palästina wie auch die Nation der Palästinenser wird thematisch im Zambon Verlag groß geschrieben. Worin liegt der Grund, von Deutschland leider abgesehen, dass das Unrecht gegen Palästina eine so enorme Verlagsaufmerksamkeit weltweit erfährt?

Ich formuliere die Frage anders: Es ist natürlich, dass das Unrecht, das Palästina erfährt, breite Solidarität in der ganzen Welt hervorruft. Aber in allen Ländern, wo das Volk verdummt und von der vollständigen Kontrolle der Elite über die Medien beeinflusst wird, geschieht es, dass der „normale“ Mensch Opfer einer Verdrehung zwischen Täter und Opfer wird. Wir bemerken es bei uns selbst. Eine solche Verdrehung ist leicht zu verstehen. Denken wir daran, mit welchem Enthusiasmus wir alle als blauäugige Heranwachsende auf das Auftreten der nordamerikanischen sechsten Kavallerie reagierten, die mit der Vernichtung der „bösen Indianer“ begann. Es ist eine Frage von Kapital und Investition. Es ist nicht zufällig, dass in vielen armen Ländern (nicht nur in muslimischen), wo Hollywood und seine kulturelle Beeinflussung schwach ist, findet man eine breite Solidarität für Palästina.

Seine Aussage trifft es auf den Punkt! Je weniger Eskapismus (Brot & Spiele), desto mehr Bildung und Kultur. Und wie offensichtlich, dass beispielsweise die über 8000 Jahre alte Kultur Syriens durch Staaten wie die USA und Organisationen wie die NATO so exemplarisch in Deutschland anstandslos der Vernichtung preisgegeben wird. 
In Bezug auf Israel stellt sich Frage: Hat Deutschland aus seiner faschistischen Geschichte wirklich etwas für die Menschheit verwertbares gelernt?

ZAMBON: Nein, es hat nur Folgendes gelernt: Wirf den Stein und verstecke die Hand.

[In >>Möge keiner sagen, er hätte es nicht gewusst!<< sage ich: „Die Bundesrepublik Deutschland hat aus der deutschen Vergangenheit nichts gelernt.“]

Über Dich wurde in einem scheinlinken Forum geschrieben, Du, d.h. der Zambon Verlag wäre antisemitisch, rechtsnational und sei auch verschwörungstheoretisch. Diese Diffamierungen werden inflationär verwendet. Worin siehst Du die Ursache, dass im Besonderen in Deutschland mit der Antisemitismuskeule und Unterstellungen in der Öffentlichkeit so großzügig umgegangen wird?

Weil der Zionismus die „vorgeblichen“ und tatsächlichen deutschen Schuldgefühle schamlos zu seinen Gunsten ausnutzt. Damit rechtfertigen die Zionisten den Landraub, den Völkermord, die Verbannung und die unmenschliche Unterdrückung in Palästina.

Sehr viele Menschen in Deutschland nehmen wahr, dass das Judentum missbraucht wird für die revanchistischen, letztlich auf Faschismus hinauslaufende Ziele Israels. Auf finanzieller Ebene, doch nicht allein dort, spricht der Politikwissenschaftler Norman Finkelstein auch von einer Holocaust-Industrie. Prof. Finkelstein wurde durch die Partei „Die Grünen“ zum Thema einer kleinen Anfrage an die Bundesregierung im Jahr 2017.
Weshalb werden in Deutschland wiederkehrend Verleugnungskampagnen gegen Menschen mit jüdischen Wurzeln betrieben?

ZAMBON: Auch die Zionisten sind nicht perfekt. Die Ignorierung dieser Personen wäre für sie positiver.

Hervorragende internationalistische Literatur hast Du auch im 2018er Buchkatalog gelistet. Ich gestehe, Alan Hart Band I und II beeindruckten mich außergewöhnlich. Vittorio Arrgoni >>Restiamo umani – Gaza – Mensch bleiben.<< authentisch und voller Mitgefühl. Oder Campovilla im Gespräch mit Pater Musallam >>Ein Priester in der Hölle<< so lebensecht und lehrreich.
Welches Buch, welcher Autor hat Dich in all Deinen Jahren am meisten bewegt?

ZAMBON: Die Autografie von Maxim Gorki.

Wenn möglich, welche Empfehlung eines durch das Leben gereiften Menschen, wäre den jungen Menschen von heute zu geben?

ZAMBON: Glaube nicht, was Du vorgesetzt bekommst … und überlege, ob nicht das Gegenteil richtig ist.

Du hast in über 45 Jahren, mit der persönlichen Leidensgeschichte Deiner Familie, als Verleger sehr viel für Bildung, Humanismus und Antiimperialismus, der Faschismus ist dem Imperialismus inhärent, getan. Siehst Du eine mögliche Wandlung zum Vernunftgebrauch in unseren Breitengraden? Mit der aktuellen Aggressionspolitik gegen den Iran sieht es leider nicht danach aus. Mir schrieb ein Zuschauer, dass er sich freue, der Widerstand gegen Krieg und Finanzterror wird immer größer. Siehst Du eine Chance für eine bessere Welt?

Leider nicht, es sei denn, die Kräfteverhältnisse auf dem Globus ändern sich zugunsten Russlands und Chinas, damit das Imperium in die Knie gezwungen werden wird. Also nicht unsere „liebe Vernunft“, sondern reale Machtpolitik.

Lieber Giuseppe, ich danke Dir von Herzen für Deine Arbeit.

Dr. Giuseppe Zambon; Zambon Verlag; Frankfurt am Main – https://zambon.net 

(Fariss Wogatzki; Juli 2018; Hervorhebung im Text durch den Autor)

 


Palaestina_Hecht-Galinski

 

 

 

 

 

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